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Festrede zum 625. Jubiläum

Die Rede im pdf-Format mit genauen Quellenangaben zu den verwendeten Zitaten:

Die Herderschule_Festrede

Festrede zum 625-jährigen Jubiläum der Herderschule, gehalten am 25.05.2018,

Dr. Jan Winkelmann

 

Ich beginne mit einem Zitat:

„Mit Anlagen kommen wir auf die Welt; ausgebildet werden diese Anlagen nur durch Übung. Unser ganzes Leben ist für uns Gymnasium; was aus uns werden soll, muß in uns durch Übung werden.“ So Johann Gottfried von Herder in einer Rede des Jahres 1799. Um unser Gymnasium soll es heute gehen:

Liebe Festgäste, auch ich begrüße Sie im Namen der Herderschule und im Namen unseres Schulleiters Herr Anders, der sicher heute auch gerne hier gewesen wäre.

Jubiläen geben stärker den Blick auf die Gegenwart und die Feiernden frei als auf die Vergangenheit, die häufig Anlass aber nur selten alleiniger Mittelpunkt der Veran­staltung ist. So verhält es sich vermutlich auch bei uns. Wir wollen heute vor allem ein Zeichen in der Gegenwart setzen, die Schulgemeinschaft allseits fühlbar machen und die Vergangenheit würdigen.

625 Jahre Herderschule, das mutet komisch an. Unser Schulgebäude versprüht den Charme der steingewordenen Bildungsexpansion der 60er Jahre und Johann Gott­fried Herder wäre ja heute erst 274 Jahre alt. Die Zahl 625 ist also erklärungsbedürftig und bietet uns zugleich die Möglichkeit, eine Traditionslinie zu ziehen, die Gegenwart mit Vergangenheit verbindet.

Eine solche Linie möchte ich in dieser Festrede nachzeichnen, indem ich

über unsere gegenwärtigen Ansprüche und Herausforderungen auf der einen Seite und über die Geschichte der Schule in Rendsburg und unseren Namenspatron auf der anderen Seite spreche.

Die erste Erwähnung einer Stadtschule fällt ins Jahr 1393. Im Jahr 1393 zählte die heu­tige Bundeshauptstadt gerade einmal 7000 Köpfe, der König des Heiligen Römischen Reiches residierte und regierte zunehmend erfolglos in Prag, die katholische Kirche war zwischen den Päpsten in Avignon und Rom zerrissen. Die Rendsburger Stadt­schule des Jahres 1393 markiert nun einen Prozess, der nördlich der Alpen in diesem 14. Jahrhundert an Stärke gewann: die wachsende Kraft des städtischen Bürgertums. Dieses trat in Konkurrenz zur weltlichen Macht des Adels und zur kulturellen Dominanz der Kirche. Die Urkunde des Jahres 1393 gibt genau davon Zeugnis, denn in ihr wird ein Streit zwischen Kirche und Stadt dokumentiert. Der Stadtrat sicherte sich gegen­über der Kirche das Recht, dass die Schulmeister (Lehrer) nur mit der Zustimmung des Rates ernannt werden durften. Hier beginnt eine Tradition, die über die Jahrhunderte bis zum heutigen Tage währt: die enge Verbindung der Schule, unserer Schule, mit den politischen Verantwortlichen der Stadt. Nahezu jedem Entwicklungsschritt der Rendsburger Schule ging ein massives Engagement des Magistrats voraus. Bis zum heutigen Tage dürfen die Stadtvertreter – also z.B. Sie, verehrter Bürgermeister – bei den Examensprüfungen anwesend sein.

Und noch etwas anderes offenbart sich in diesem Streit, was sich von damals bis heute wie ein roter Faden zieht: die hohe politische und gesellschaftliche Bedeutung von Schule. Zwei Aspekte will ich hierzu näher betrachten:

Schule sozialisiert die Heranwachsenden mit Blick auf die gegenwärtige gesellschaft­liche Ordnung. Die Kinder sollen mit den Herausforderungen der Gegenwart und nahen Zukunft zurechtkommen, in jedem Falle erfolgreich sein und zugleich wertvolle Teile der Gesellschaft werden; so könnte eine friedvolle, meist elterliche Lesart lauten. Herder hat dies im Jahre 1783 in der Rede vom Nutzen der Schule folgendermaßen ausgedrückt: „Jeder Lehrer an einer öffentlichen Schule bedenke, daß er ein öffent­licher Mann, ein Diener des Staats, daß sein Geschäft ein öffentliches, kein Privatge­schäft sei. Die Form und Bildung der Nachkommenschaft ist ihm übergeben, die theuersten Schätze der Eltern, ja der Menschheit selbst, sind in seinen Händen.“ Eine weitere Lesart lautet: die Heranwachsenden sollen die bestehende Gesellschaft als legitim und richtig ansehen. Schule dient dann im schlimmsten Fall auch einem Un­rechtssystem zur Indoktrination für den Erhalt der bestehenden Ordnung. Hiervon hat die deutsche Schulgeschichte beredte Beispiele – vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhun­dert. Für beide Lesarten gilt gleichermaßen Herders Feststellung aus dem Jahre 1797: […]die aufwachsende Jugend ist der größte Schatz des Staats. Aus ihr kann alles Gute und alles Schlechte werden, denn in ihr weiches Gemüt drückt sich alles Gute und Schlechte ein.“

Und doch schlummert in Schule – aufgrund der besonderen Eigenschaft der Ziel­gruppe und dem Prozess der Bildung – immer ein Emanzipationspotential, das geeig­net ist, das Gegenwärtige über den Haufen zu werfen: „Kindheit und Jugend haben in gewissem Sinne stets Protesteinstellung zur Vergangenheit und Gegenwart. Sie sind […] in beiden verankert, doch […] nur, um aus ihnen heraus […] zu neuen Formen und Gestaltungen zu kommen.“, so der sozialdemokratische Reichtsagsabgeord­nete und Pädagoge Kurt Löwenstein im Jahre 1925. Und weil nun in Schule all das schlummert, ist die Frage, wer über die Schule bestimmt, von so immenser politischer Bedeutung.

Im Falle Rendsburgs wurde zunächst nichts in Frage gestellt, das politische Patt hielt, die Macht der Kirche wurde nicht gebrochen, sondern das hohe Bürgertum arran­gierte sich mit der Kirche auf die nächsten Jahrhunderte. Die der ersterwähnten Schule folgende Lateinschule des Jahres 1590 war und blieb Standesschule, den Kin­dern der einfachen Handwerker und Kaufleute blieb sie verschlossen. An der Aus­wahl der Fächer und den Unterrichtsmethoden gab es durch Reformation und Hu­manismus graduelle Veränderungen, die Schulmeister bzw. Lehrer blieben aber Theologen. Das Schulgebäude stand bis 1877 auch räumlich im Schatten der Mari­enkirche.

Johann Gottfried Herder, seit 1776 Direktor eines Gymnasiums in Weimar, sagte in einer seiner jährlich zu den Examen gehaltenen Reden [im Jahr 1798]: „Keine [Schule] muß veraltet sein oder veralten; sonst geht sie unter. Sollen diese Einrichtun­gen [Schulen] Menschen für die Zeit, die jetzige und künftige bilden, sollen sie diesen jungen Menschen den Gebrauch und die Anwendungen jetziger und künftiger Zeit lehren, und sie dazu gewöhnen“ und bereits 1791 rief er seiner Schule ins Gewissen: „Wir müssen mit der Zeit fortgehen, oder die Zeit schleppt uns fort, ans Zurückgehen ist nicht mehr zu denken; glücklich ist der, der willig gehet, der nicht nur seinem Nachbar mit Schritten zuvorkommt, sondern selbst der Zeit.“

Herders Mahnung am Eingang des 19. Jahrhunderts ging auch im 500 Kilome­ter entfernten Rendsburg nicht an der Schule vorbei. Aus der Lateinschule wurde eine Gelehrtenschule, die alten Sprache blieben dominant, aber die Realienfächer stießen hinzu. Der Neuhumanismus – zu dessen prominenten Vertretern auch Herder zählte – beflügelte die alten Sprachen, die jetzt dazu genutzt wurden, um sich mit dem antiken Griechenland zu befassen. Dort, im antiken Griechenland, sah man eine Kultur, die die Eigenschaften des Menschen vorbildhaft vereinte. Aus der Be­schäftigung mit den Griechen sollte wahre Bildung entstehen. Das im 19. Jahrhundert entstandene Bildungsideal – verbunden mit dem Namen Humboldt – prägte die Gymnasien bis ins 20. Jahrhundert, die bildungspolitischen Debatten sogar bis in die Gegenwart.

Aber das lange 19. Jahrhundert hielt noch weitere Prozesse in der Hinterhand, die zunehmend an Dynamik gewannen: die Industrialisierung, die sprunghafte Entwick­lung der Naturwissenschaften sowie die Entwicklung von Nationalstaaten verbunden mit dem fatalen Wettstreit um Macht, Land und Ressourcen. Mit einem idealisierten griechischen Bildungsideal allein war jetzt kein Staat zu machen, weder aus der Per­spektive eines Industriellen, eines Bauingenieurs noch eines preußischen Generals und auch nicht aus der Perspektive der Rendsburger Bürgerschaft.

So kam es 1854 zum kurzen Intermezzo des Realgymnasiums, welches 1866 in ein preußisches Gymnasium überführt wurde. Turnhalle, Zeichensaal, ausgestattete Natur­wissenschaften und Aula mussten nun hinzukommen. Die Stadt nahm sich der Sache mit dem Neubau von 1877 an.

Bewegt vom pädagogischen Werk der Schwedin Ellen Key schrieb Rainer Maria Rilke am Anfang des 20. Jahrhunderts: „Freie Kinder zu schaffen, wird die vornehmste Auf­gabe dieses Jahrhunderts sein.“ Rilke wünschte sich eine Pädagogik, die es er­laubte, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen. Sein Wunsch ging nach 1918 nicht in Erfüllung. So wurde z.B. die von der jungen Republik vorgeschlagene stärkere demo­kratische Beteiligung von Schülern an der Herderschule – auch von den Schülern selbst – abgelehnt. Zu nah und stark war die Wirkungskraft des preußisch-monarchi­schen Erziehungssystems. Das Bürgertum lehnte in großen Teilen die neue Republik ab, die Schule des Nationalsozialismus hingegen wurde ohne Widerstand ange­nommen.

Unsere Schule trägt den Namen Herder seit 1947. Erst die Befreiung von 1945 und die Entwicklung der BRD haben unserer Schule die Möglichkeit gegeben, sich im Sinne eines Herders oder des zitierten Rilkes fortzuentwickeln. Seit 1960 wurde an unserer Schule nicht mehr geschlagen, 1973 kam die Koedukation, seit 1978 ist die Schüler­beteiligung prominent im Schulgesetz verankert. Die Schule selbst zeigte sich innova­tionsbereit: 1971/72 gingen wir bei der Einführung der neuen Oberstufe mit Punkt­system und Kurswahlen als Erprobungsschule der Reform voran, wir entwickelten den Lehrplanes für das Fach Informatik maßgeblich mit. Dem Friedensprojekt des Jahr­hunderts – der EG bzw. der EU – widmen wir uns als Europaschule seit 1996.

Wir brin­gen Schülerinnen und Schüler aus Europa zusammen und leben den europäischen Gedanken; ganz im Sinne des ehemaligen Außenministers Klaus Kinkel, der 1992 vor der UN-Vollver­sammlung sagte: „Europa wächst nicht aus Verträgen, es wächst aus den Herzen seiner Bürger oder gar nicht.“

Wenn ich nun an den Beginn der Rede erinnere und an die Funktion von Schule: wo stehen wir dann mit unserer Praxis heute und was wollen wir?

Wir wollen Freiheit, Emanzipation und Vorbereitung auf die kommenden Herausfor­derungen. Und was sind die unseren, spezifischen Herder-Wege dahin?

1. „Feuer wird nicht durch Eis, sondern durch Feuer entzündet.“ Wir lieben und beherr­schen unsere Fächer.

2. 1797 rief Herder seinen Lehrern folgenden Satz zu: […] du wirst Klötze finden, wenn du Klötze zu finden glaubst, und deine Schüler dazu gemacht hast: Man wird dir ge­nauso viel Liebe erzeigen, als du andern von deiner Seite erzeiget hast. […] Die Zeiten sind vorbei, da Schimpfworte wirken konnten, was sie vielleicht auch nie ge[tan] ha­ben.“ Für uns Kolleginnen und Kollegen ist dies keine hohle Phrase. Uns ist eine Einstel­lung gemeinsam, welche der jüdische Erzieher und Arzt Janusz Korczak in seinem Buch “Wie man ein Kind lieben soll“ als Grundgesetz für das Kind formulierte: „Das Recht des Kindes so zu sein wie es ist.“ Die Kinder sind[…] nicht irgendwann einmal, sondern schon jetzt, schon heute Menschen […]!“  

3. Obwohl wir in einer Zeit leben, in welcher die Ökonomisierung alle Bereiche des Lebens erfasst hat, in der Konkurrenz und Wettbewerb als vollkommen natürliche und legitime Instrumente der Leistungssteigerung und Bewertung angesehen werden, in der die individuelle Performance in Schule und außerhalb zum Maß aller Dinge zu werden scheint, in solchen Zeiten legen wir Wert auf die Gemeinschaft.

Für Wissen, Denken, Sprechen ist die bestehende Gemeinschaft Voraussetzung. Bil­dung vollzieht sich in Gemeinschaft, sei es im Gespräch in der Klasse oder in der Familie. Bei aller Indiviualisierung setzen wir auf Solidarität, auf die Erkenntnis, dass wir nur in Gemeinschaft und in Verantwortung für die Gemeinschaft die drängenden Probleme unserer Zeit lösen können. Demokratie lebt in hohem Maß von Solidarität, Respekt und Toleranz. Und: Demokratie ist kein Selbstläufer.

4. „[…] da das Leben nicht [nur] neue Kenntnisse und Gedanken, sondern auch Wil­len, Triebe, That braucht, und in diesem vor allem das Leben besteht, so wendet sich der Spruch: nicht der Schule, sonderm dem Leben zu lernen, vorzüglich auf Bildung des Herzens und des Charakters. Leben lernen heißt also seinen Neigungen eine gute Richtung geben, seine Grundsätze reinigen, […] nicht nur mit dem Kopf allein, son­dern auch mit dem Herzen existieren, gegen Eltern, Freunde, Lehrer, Mitschüler […], sich Sitten erwerben,[…] frohe Sitten, die liebenswerth machen vor Gott und den Men­schen.“ Diesen herderschen Satz von 1800 nehmen wir ernst: Nicht nur Wissen, son­dern auch Mündigkeit und Handlungsfähigkeit sind unser Ziel.

5. Und worin müssen wir für die Zukunft noch besser werden?

Unser Traum sollte es sein, unsere Kinder so zu bilden, dass sie erkennen können, ob ein gefühltes Versagen im Performance-Wettstreit an ihnen selbst liegt oder inwiefern nicht gesellschaftliche, politische und soziale Hintergründe hierfür verantwortlich zu machen sind. Nur dieses Wissen schützt das Kind vor dem „Verwelken“ sowie vor Hass- und Selbsthass und bietet Potential für die emanzipative Kraft der Jugend, für die Fortentwicklung der Gesellschaft.

In diesem Sinne mag auch das Motto der Schulfahne von 1877 gelten: „Vivat, floreat, crescat!“ Es lebe, blühe und gedeihe!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

 

 

Quellen:


Herder, Johann Gottfried von: Sophron. Gesammelte Schulreden, hrsg. von Johann von Müller, Karlsruhe 1820.

Herrmann, Ulrich: Die „Majestät des Kindes“ . Ellen Keys polemische Provokationen, in: Key, Ellen: Das Jahrhundert des Kindes, Weinheim und Basel 1991, S. 255-266.

Hoop, Edward: Rendsburg und sein Gymnasium. Die Geschichte der Herderschule, Rendsburg 1981.

Korczak, Janusz: Wie man ein Kind lieben soll, 4. Aufl. Göttingen 1973.

Löwenstein, Kurt: Das sozialistische Erziehungsproblem, in: Bergan: Aufrufe zur geisti­gen Erneuerung, hrsg. von: Vereinigung sozialistischer Lehrer und Lehrerinnen, Duisburg 1920.


 

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